Plastikmüll: Das Meer ertrinkt in Kunststoff

Man könnte meinen die Meere seien die Mülldeponien der Welt. Die Plastikverschmutzung nimmt immer weiter zu und ist mit großer Wahrscheinlichkeit unumkehrbar. Höchste Zeit zum Gegensteuern!

Stell dir vor, du sitzt am Strand und beobachtest, wie minütlich ein neuer Müllwagen angefahren kommt und eine komplette Ladung Plastikmüll ins Meer kippt. Sicherlich ein ziemlich verstörender Anblick. Aber genau das passiert jeden Tag. Natürlich nicht so punktuell und nur an einem Strand, aber tatsächlich landet statistisch gesehen jede Minute eine ganze Wagenladung Plastik in den Weltmeeren.

Auf ein Jahr gerechnet erreicht die Plastikverschmutzung mit acht Millionen Tonnen schwindelerregende Höhen. Doch das Schlimmste: die Tendenz ist steigend. Diese Zahl könnte sich laut Forschern schon bis 2030 verdoppeln und bis 2050 vervierfachen. Das Meer ertrinkt geradezu in Plastikmüll.

Schätzungen zufolge schwimmen derzeit schon 150 Millionen Tonnen Plastik im Meer. Und auch wenn wir immer wieder Bilder über das Ausmaß der Verschmutzung zu sehen bekommen: Das Problem ist noch viel schlimmer. Denn nur 15 Prozent des Mülls schwimmt sichtbar an der Oberfläche. Rund 70 Prozent sinkt auf den Meeresboden, teilweise bis auf den Grund der Tiefsee – außer Sichtweite und sogar so tief, dass Wissenschaftler das Problem kaum erforschen können. Weitere 15 Prozent wird an die Strände gespült. Was wir vom Plastikproblem bewusst wahrnehmen und sehen können, ist also nur ein Bruchteil des tatsächlichen Ausmaßes. Die Tiefsee wird zum Endlager für Plastikmüll.

Plastik stört das ökologische Gleichgewicht

Dass das viele Plastik in den Meeren nicht ohne Auswirkung auf die Natur und Tierwelt bleibt, ist offensichtlich: Wale, die Unmengen an Plastik schlucken, Schildkröten, die durch Plastikringe deformiert werden, Vögel, die ihre Nester fast ausschließlich aus Plastik bauen. Kunststoffe gehören nun einmal nicht in einen natürlichen Lebensraum und die aktuelle Situation hinterlässt deutliche Spuren.

Das mitunter größte Problem der Plastikverschmutzung ist die Nahrungsaufnahme. Fische, Vögel und Meeressäugetiere verwechseln die Kunststoffe mit Nahrung oder nehmen sie unabsichtlich auf. Im schlimmsten Fall verenden sie daran. Wenn Plastikmüll lange Zeit im Meer vor sich hin treibt, zerfällt er in immer kleinere Teile und wird zu sogenanntem sekundären Mikroplastik. Daneben schwimmt noch eine ganze Menge primäres Mikroplastik, also winzige Plastikpartikel, die absichtlich von der Industrie in Produkte wie Kosmetik oder Make-Up beigemengt werden.

Egal, ob primäres oder sekundäres Mikroplastik: beides schädigt Meeresbewohner. Das Plastik kann in den Innereien der Fische zu Störungen beim Stoffwechsel führen oder Entzündungen hervorrufen. Außerdem können sich Schadstoffe an den kleinen Plastikpartikeln anlagern.

Eine weitere, bisher noch unterschätzte und kaum beachtete Nebenwirkung ist das Phänomen der sogenannten Bioinvasion. Am Plastikmüll im Meer können Kleinstlebewesen oder Pflanzen haften und tausende Kilometer weit reisen. Das kann ganze Ökosysteme bedrohen, da diese „fremden“ Arten in andere Gewässer verschleppt werden. Besonders das ökologische Gleichgewicht der Antarktis sei bedroht, so Meeresbiologe David Barnes.

Plastik im Meer lässt sich kaum mehr beseitigen

Wir sind bereits jetzt an einem Punkt angelangt, an dem Forscher ernsthaft bezweifeln, ob wir das Plastik jemals wieder aus den Meeren heraus bekommen. Natürlich gibt es Bemühungen, den Müll aus dem Meer zu fischen. Ein Beispiel ist ein durch Crowdfunding finanziertes Projekt des Niederländers Boyan Slat. Schwimmende Barrieren, die langsamer treiben als der Plastikmüll, sollen als Filter dienen.

Viele Meeresforscher bezweifeln allerdings die Sinnhaftigkeit solcher Projekt. Tiefseeforscherin Melanie Bergmann im Interview mit Zeit Online: 

„Diese Anlagen werden neben dem Müll auch wertvolle Biomasse entfernen und so mit der Zeit das Ökosystem und die Biodiversität beeinflussen. Sie sammeln auch nur an der Oberfläche und nicht am Meeresgrund, wo sich aber der meiste Müll befindet. Das größte Problem daran ist aber: Diese Bemühungen schüren falsche Hoffnungen. Sie lenken davon ab, dass wir unseren Konsum und unser Verhalten ändern müssen, und zwar schnell.“

Was muss passieren?

Wie Melanie Bergmann in ihrem Interview schon sagte: Wir müssen dringend handeln. Wir können es uns nicht erlauben, dass der jährliche Müllberg, der in die Meere gekippt wird, noch größer wird. Dafür sind sicherlich auch politische Maßnahmen in großem Stil nötig. Zu den Hauptverursachern zählen China, Indonesien, Thailand, Vietnam und die Philippinen. Ob diese Länder striktere Bestimmungen einführen und Müll effizienter einsammeln und recyceln, darauf hat man als deutscher, einzelner Verbraucher zugegebenermaßen wenig Einfluss.

Trotzdem kann jeder einzelne handeln: Plastikverpackungen vermeiden, keine Wegwerfprodukte kaufen, plastikfreie Marken suchen. Auch wenn ein Großteil des Mülls aus südostasiatischen Ländern stammt, sollte sich Deutschland keineswegs aus der Verantwortung ziehen. Die Karte von Litterbase zeigt deutlich, dass Plastikverschmutzung kein exklusives Problem des Pazifiks oder Indischen Ozeans ist, sondern Mittelmeer und Nordsee genauso betroffen sind. Auch in Deutschland ist Plastikmüll in der freien Natur, das in die Flüsse und damit auch ins Meer gelangen kann, ein viel zu häufiger Anblick. Es ist längst an der Zeit, dieser Plastikflut aktiv etwas entgegenzusetzen.